Es gibt Menschen, die glauben, das Geheimnis hinter dem besonderen Klang einer Stradivari sei, dass das Holz für sie bei Mondschein gefällt wurde.

Es gibt natürlich noch eine andere mögliche Erklärung – die Geigen sind deshalb so gut, weil sie von Stradivari sind.

Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch in der Mitte. Vielleicht braucht außergewöhnlicher Erfolg beides. Den Macher. Und das Geheimnis.

Wie im Falle von Giuseppe Tedesco. Er ist der Macher, Gründer und Geschäftsführer von „Giuseppe e amici“, dreier wunderbarer ita­lienischer Restaurants in Kolber­moor und Rosenheim. Und das Geheimnis ist die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die ihn mit der Firma Quest und der Alten Spinnerei in Kolbermoor verbindet.

 

Der Macher: Ein Junge aus Kalabrien

Aufgewachsen ist Giuseppe in Kalabrien. Es folgt der Umzug der Familie nach Deutschland in eine kleine Ortschaft in Oberbayern, da ist ­Giuseppe zehn Jahre alt. Der Onkel hat ein Restaurant, in dem Giuseppe alsbald beginnt, auszu­helfen – Teller waschen, Ge­tränke machen, Pizzas und ­Salate vorbereiten.

Dann war der Weg in die Gastronomie also vorgezeichnet?
„Im Grunde, ja“, sagt Giuseppe. „Mir hat das total Spaß gemacht. Aber natürlich musst du bei uns erst was Vernünftiges lernen. Die Mama hat gesagt, jetzt machst du eine Lehre als Heizungsbauer. Und nach zwei­einhalb Jahren hat mein Onkel gemerkt, so richtig Lust hatte ich dazu nicht. Er hat gesagt, du bist der geborene Gastronom, komm und arbeite bei uns.“

Wie ging’s weiter?
„2004 ruft mich meine Schwester an und sagt, hilfst du uns, in unserem Dorf in Niederbayern ein Lokal aufzubauen? Ich habe da ange­fangen, meine Schwester und meinen Schwager unterstützt und als der Laden lief, habe ich mich in Rosenheim nach etwas Neuem umgeschaut, und so bin ich in die L’Osteria gekommen.“

Und da warst du dann Betriebsleiter.
„Genau. Ich war verantwortlich für 23 Leute. In der L’Osteria habe ich dann ­Jessica von Bredow-Werndl und Benjamin Werndl von Quest kennengelernt, sie waren Gäste von mir. Danach habe ich ihren Vater Klaus Werndl kennengelernt ... Und irgendwann sagte der Klaus, hast du Lust, dich selbstständig zu machen? Wir haben da ein schönes Gelände, die Alte Spinnerei. Und so fing hier alles an.“


Das Geheimnis: Freundschaft

Spricht man mit Giuseppe über seine Freundschaft zu Klaus Werndl, merkt man schnell: diese Freund­schaft ist für ihn etwas ganz Besonderes.

„Von Klaus werde ich immer sagen, der ist mein Vorbild und mein väterlicher Freund. Von ihm habe ich sehr, sehr viel gelernt. Klaus ist neben meiner Frau und meinem Partner Francesco mein wichtigster Ratgeber. Ich habe gleich gefühlt, dass wir beide auf einer Wellenlänge liegen. Zusammen haben wir diese tolle Geschichte hier erschaffen und mittlerweile haben wir hier in der Woche 3500 Gäste. Und wir sind eigentlich immer zu sechs­und­neunzig Prozent ausgebucht.“

Als ihr angefangen habt, sah hier allerdings alles noch ganz anders aus.
„Da war hier nichts. Null. Niente. Das ganze Gelände war über Jahre Leerstand. Wir haben aber gesagt, okay, wir fangen einfach an. Wir haben gewusst, wir können hier etwas Einzigartiges erreichen.

Schau dir nur mal die Architektur an. Wie kunstvoll die Mauern gebaut sind, wie toll die Ziegel sind. Diese Fassaden, das ist Leben. Und normalerweise wird so was wie hier erst mal plattgemacht, aber Quest ist es eben wichtig, es zu erhalten und den ursprünglichen Zustand wieder­herzustellen. Das ist die Kunst und deswegen sind sie so erfolgreich.

Unten gibt es noch ein Gewölbe, das könnte man sich heute gar nicht mehr leisten, so zu bauen. Und jetzt schau dich nur mal auf der Terrasse um, mit dem Kräutergarten und gleich daneben diese wunderschönen Olivenbäume und Platanen.“

Eines stimmt allerdings auch – Ambiente kann man nicht essen. Dreh- und Angelpunkt eines jeden guten Restaurants ist natürlich immer das Essen.

„Ganz klar. Du kannst ja die schönste Lokalität haben – das Essen muss in Ordnung sein, der Service muss gut sein und die Leute müssen gerne kommen. Wenn du hier auf der Terrasse sitzt, sitzt du in Italien. Du schaltest eine Stunde ab, wie im Urlaub. Das ist pure Liebe.“


Apropos „Essen“. Was darf’s denn sein?

Mittlerweile ist es 1 Uhr mittags und allen Beteiligten wird schlagartig bewusst, dass man ja tatsächlich auf der Terrasse eines wunderbaren Restaurants sitzt. Geschickt lenken wir das Gespräch auf Giuseppes Lieblingsessen. Was kocht und isst ein Kalabreser in Bayern, wenn es mal typisch kalabresisch sein soll?

„Das Geheimnis der italienischen Küche“, klärt uns Giuseppe auf, „ist, dass sie einfach ist. Und der Inbe­griff von Einfachheit nennt sich Spaghetti Primavera. Und so werden sie gemacht.“


Spaghetti Primavera alla Giuseppe

„Also. Die Basis ist ein klassisches Spaghetti aglio e olio. Gutes Oli­ven­öl, jede Menge Knoblauch, Petersilie, Peperoncini. Irgendwann bin ich mal mit meinem Freund Francesco um die Häuser gezogen, und als wir dann mitten in der Nacht zu Hause waren und Hunger hatten, haben wir genau das gekocht. Ich hatte noch 200 Gramm Rinderfilet, das mit angebraten und fertig.“


Aber wieso Primavera? Müssten da nicht noch …
„Richtig. Die Tomaten. Wir haben alles reingetan, was im Kühlschrank war. Rucola, Kirschtomaten und Rinderfilet. Ein leichtes Gericht. Es ist leicht wie der Frühling, wenn alles blüht. Habt ihr Lust, das mal zu essen?“

Haben wir. Und wir können nur bestätigen – es schmeckt vorzüglich. Unsere Primavera waren allerdings mit Scampi. Die waren gerade im Kühlschrank.

Lieber Giuseppe! Danke für deine Zeit und dein Essen!

Giuseppe findet:
Es gibt nur eine Gegend auf der Welt, die es mit der Schönheit Bayerns aufnehmen kann: Kalabrien. Wie schön Kalabrien ist, sieht man seiner Meinung nach am besten auf YouTube im Video „Alla Salute“ des berühmten Sängers Jiovanotti. „Das wurde gleich um die Ecke von meinem Dorf gedreht. Da will man doch sofort hin, oder?“