Den Kampf gegen Zehntel­sekunden hat er längst hinter sich gelassen. Mittlerweile denkt Markus Wasmeier eher in Jahrhunderten. Hier erzählt er uns, was ihn antreibt, uralte Bauernhäuser vor dem Verfall zu retten.

 


 

 

Mit Sicherheit darf man sich Markus Wasmeier als Menschen vorstellen, der das, was er anpackt, mit voller Über­zeugung und ganzer Kraft umsetzt. Anders wird man weder einer der erfolgreichsten Skifahrer der Welt – Weltmeister im Riesenslalom 1985, zweimaliger olympischer Gold­medaillen­­gewinner im Super-G und Riesenslalom 1994 – noch erfüllt man sich nach Karriereende den großen Traum, mit der Gründung eines eigenen Freilichtmuseums das kulturelle und bäuerliche Erbe seiner bayrischen Heimat am Schliersee zu erhalten.

Mittlerweile umfasst das Museum 22 liebevoll restaurierte bis zu 500 Jahre alte Gebäude – von Bauernhof bis Stadl bis zur eigenen Kapelle –, beschäftigt etwa 80 Menschen und wird außerdem bevölkert von Hunden, Katzen, Hühnern, Schafen, Kühen. Auch für Leib und Seele wird bestens gesorgt: Man kann im Museum wunderbar essen und – ganz wichtig! – trinken: Die eigene Brauerei braut Bier nach traditioneller Art, in Handarbeit, ganz so wie früher.


 

Federvieh bei der traditionellen Lieblingsbeschäftigung: Picken und Gackern.



Die erste Frage an Markus Wasmeier kann eigentlich nur sein: Wieso gründet jemand sein eigenes Freilichtmuseum? Was man an dieser Stelle vielleicht noch erwähnen sollte – die Gebäude waren ja nicht an Ort und Stelle, sondern wurden ­woanders abgebaut, dann zum Gelände transportiert und wieder aufgebaut. Muss man auch erst mal machen.

Markus, woher kommt dein Interesse an alten Bauernhöfen? Da steckt ja sicher mehr dahinter als der Spaß, Balken durch die Gegend zu schleppen, oder?

Ja sicher. Es war so, dass ich, als ich mit 31 Jahren ­meine Karriere beendet habe, meine Landschaft oder meine Heimat wieder ganz anders entdeckt habe. Denn ich war vorher ja doch dreihundert Tage im Jahr unterwegs. ­Allerdings habe ich privat schon mit elf Jahren mit meinem Vater zusammen einen Hof transferiert und wieder aufgebaut. Und da bin ich im Grunde schon mit diesem Virus infiziert worden. Die Arbeit mit alten Gebäuden hat mich von Anfang an fasziniert. Oder, als ich mit 16 meinen ersten Dachstuhl gemacht habe, da war ich schon extrem stolz darauf.

Du wohnst selbst in einem alten Haus, das du dir wieder aufgebaut hast, oder?

Das stimmt. Während der Olympiade in Calgary habe ich mein eigenes Haus, einen Hof aus dem 14. Jahrhundert, transferiert und daran weitergearbeitet, wenn ich nicht gerade trainiert habe. Zu der Zeit sind mir drei alte, schon verfallene Gebäude aufgefallen, und dann habe ich einfach mal losgelegt. Ich wollte diese Häuser retten. Schon rein vom handwerklichen Gesichtspunkt – die waren so schön, so einzigartig, die durften einfach nicht verschwinden. Und schon da hatte ich den ­Gedanken, diese Häuser in ein Museum zu versetzen.

Gibt es Dinge, dies diese alten Häuser besser machen als Häuser von heute?

Aber ja. Die Häuser sind ja oft schon 500 Jahre alt. Da hat sich natürlich ein bestimmter Baustil bewährt, vor allem in unserer Region mit den typischen weit ausladenden Vordächern, die bei Wind und Wetter den ­besten Schutz bieten, auch für die Grundmauern. Das wird von der ­modernen Architektur leider oft überhaupt nicht mehr berücksichtigt, da gibt’s ja gar keine Vordächer mehr. Das Ergebnis: Bei unserer Wetterlage hier am Schliersee ist so ein Haus nach zehn Jahren kaputt. Nachhaltig geht anders.

Was sonst, würdest du sagen, können wir von der Bauweise dieser Häuser lernen?

Auf jeden Fall eine Menge zum Punkt Nachhaltigkeit. Es wurde immer gebaut aus den Materialien, die rund ums Haus zu finden waren. Runde Steine aus dem Bachbett für Bodenbelag. Sand- und Bruchstein für die Keller. Und dann natürlich Holz. Das gab es eigentlich immer in unmittelbarer Nähe. Gedichtet wurde mit Moos – das wurde im Wald gesammelt. Wenn das ein guter ­Zimmerer gemacht hat, war das absolut dicht. Es gab viele und kleine Räume, was fürs Beheizen und vom energe­tischen Gesichtspunkt viel günstiger war.


Die Arbeit
mit alten
Gebäuden
hat mich von
Anfang an
fasziniert.


Gedichtet
wurde mit Moos –
das wurde im
Wald gesammelt.


 

Was könnte man sich von den alten Techniken für heute abgucken? Ist zum Beispiel Holz tatsächlich das Material der ­Zukunft? Was ist deine Meinung zu solchen Themen?

Holz ist definitiv ein Zukunftsbaustoff, er ist rein von der Nachhaltigkeit „greifbar“ und man muss ihn nicht von China rüberfahren. Ja, und das Tolle an den alten Häusern ist auch, die haben den Charme, die haben eine einmalige Seele und du kannst sie mit der heutigen Technik so super sanieren, dass du dir sehr, sehr viele Kosten sparen kannst.

Kommen wir noch einmal auf das Museum. Hat das irgen­dwie einen Einfluss auf die Leute? Insofern, dass mehr Menschen sagen, wir sollten mehr für den Erhalt unserer alten Häuser tun?

Das sind bei uns in erster Linie Privatpersonen, die zum Beispiel geerbt haben oder sich ein altes Haus gekauft haben. Ja, und die erkundigen sich natürlich dann sehr stark. Wie haben wir es gemacht? Weil – wir haben ja als Beispiel auch das Gasthaus mit der Verwaltung, und da ist alles historisch geblieben. Obwohl natürlich Heiz- und Küchentechnik auf dem neusten Stand sind, was mit den modernen Mög­lich­keiten wunderbar geht, ohne dass man die Struktur zerstört.

Zum Schluss noch eine Frage: Was ist für dich der ­wichtigste auch baukulturelle Grund, die alten Häuser zu erhalten, ­neben ihrer offensichtlichen Schönheit?

In einem Wort: Identität. Identität geht nicht nur vom Menschen aus, seiner Sprache, seinem Dialekt. Sondern auch von der Landschaft und der Architektur. Das ist nicht nur für die Einheimischen wichtig, sondern auch für alle unsere Besucher. Wollen wir in einer Welt leben, in der alles überall gleich aussieht? Wer nach Griechenland fährt, will, dass es dort aussieht wie in Griechenland. Und in Spanien soll es aussehen wie in Spanien. Du willst die Häuser sehen, die in die Landschaft passen. Das Kulturgut, das die Landschaft prägt. Und ich wünsche mir, dass jeder versteht, dass es nicht rück­ständig ist, dieses Gut zu bewahren. Sondern ganz im Gegenteil: wichtig für die Zukunft.

 

Das Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee
Wer noch nicht da war, sollte unbedingt mal hin, wer schon da war, kann gerne noch mal kommen. Mit etwas Glück erzählt ­Ihnen dann Markus Wasmeier noch alles das, was nicht mehr in dieses Interview gepasst hat. Infos unter www.wasmeier.de