Die besten Entscheidungen kommen aus dem Bauch: Vor zwei Jahren stolperten die Bartholdys über ihr Traum-Zuhause – seit Kurzem sind sie zu dritt.

Ein Mann und eine Frau aus der Stadt sitzen mitten im Oberbayerischen Land auf einer Bank. Ende. Nicht das Ende dieser Geschichte, sondern das Happy End von ­Simone und Korbinian Bartholdy.

Im Sommer 2019 ­saßen die Markt­for­scherin und der Werbeberater am Klosteranger der Gemeinde Weyarn in Miesbach – zwischen Doppel- und Reihenhäusern mit hellen Holz­fassa­den; vor blühenden Gärten, in denen kleine Hochbeete standen und Sand­kasten­schaufeln lagen; unter jungen Bäumen, die Grünflächen und Kies­wege säumen. Kein Auto weit und breit, kein Asphalt, nicht einmal Park­plätze, nur ein rotes ­Bobby Car auf einer Wiese; nur lächelnde Gesichter, ­lachende Kinder und einmal ein Rad­fahrer, der ihnen zunickte. Sie saßen dort und sagten nichts.

Es war klar: Das ist es. So wollen wir leben.

Simone


Wohnen ist für die meisten Menschen heute einfach kein Wunschkonzert. Eine Immobilie zu kaufen ist schon utopisch, ein ­eigenes Haus zu bauen muss man sich erst recht leisten können. Und dann kann man sich oft nicht mal aussuchen, wo das Grundstück liegt, auf dem man den Rest seines Lebens verbringen wird. Hat man einen Bezug zu dem Ort? Wie weit ist die Arbeit entfernt? Wird ein Kind Anschluss haben, zu anderen Kindern und zu guten Bildungs­an­ge­boten? Gibt es ein gemütliches Café, in dem man die Sonntage verbummeln kann? Oder sind wir dort völlig ab vom Schuss?

Kann sein, dass ich latent davor weggelaufen bin, mich diesen Fragen zu stellen, aus Angst vor frus­trie­renden Kompromissen. Ich war jedenfalls lange das Gegenteil von sesshaft. Für meinen Beruf bin ich häufig umgezogen und war viel unterwegs. In Sauerlach habe ich dann zum ersten Mal mit Korbinian zusammen­gewohnt. Die kleine Wohnung war nett, wurde aber auch nie ein Zuhause. Insgeheim habe ich mir sicherlich gewünscht, an einem Ort endlich mal anzukommen und auch bleiben zu wollen.

Sonst wäre mir der Verkaufsbanner fürs Wohnen am Klosteranger wahr­scheinlich gar nicht auf­ge­fallen, als ich daran vorbei­ge­fahren bin.

Zum
ersten Mal
will ich
bleiben

Im Grunde war die Entscheidung für Weyarn schon gefallen, bevor wir uns irgendeine Wohnung angesehen hatten. Es hat alles gepasst. Wir haben den Ort und die Wohnanlage mehrere Male besucht, sind durch die Gegend spaziert und haben die Atmosphäre aufgesaugt. Die Men­schen haben überall freundlich gegrüßt, sind auf uns zugegangen und waren ehrlich an uns inte­res­siert. Das waren wir ano­nymi­sierten Städter schon fast nicht mehr gewohnt. Korbinian und ich haben uns sofort wohl und will­kommen gefühlt. Die Wohnung im Erdgeschoss mit den hohen Decken, tiefen Fenstern, der offenen Küche und dem kleinen eigenen Gar­ten war dann noch das i-Tüpfelchen.

Besonders schön: Wir waren hier nie „die Neuen“, sondern von Anfang an Teil der Gemeinschaft. Man merkt, dass nur Leute hierhergezogen sind, die Lust auf ein inniges Miteinander und Füreinander haben. Jeder hat seinen Rückzugsort, aber niemand schotten sich ab. Unser neues Zu­hause ist so offen und einladend wie alle und alles hier. Sogar die Häuser stehen nicht wie eine exklu­si­ve Ein­heit isoliert und mono­ton neben­einander, wie das in anderen Neubausiedlungen oft der Fall ist.

Im Oktober 2021 kam unser Sohn zur Welt. Zu wissen, dass er in diesem familiären Umfeld zusammen mit vielen Gleichaltrigen aufwachsen wird – das ist so toll. Dass wir ihn nicht schon vor seiner Zeugung in der Kita anmelden mussten, auch. :-)

Wir sind
nicht „die
Neuen“

Korbinian

Am Klosteranger gibt es sieben Mehrgenerationenhäuser mit jeweils zehn ­Wohnungen. In einer davon leben jetzt wir. Neben, über und um uns herum wohnt ein bunter Mix aus kleinen und großen Familien, Allein­stehenden und Pärchen. Man sagt doch, eine Generation entspricht ungefähr 25 Jah­ren – das heißt, mit unserem neugeborenen Kleinen sind wir jetzt vier Jahrgänge unter einem Dach, quasi ab Alter 0. Die Idee von Wohngemeinschaften wie unserer ist, dass Jung und Alt sich gegenseitig ­unterstützen. Als zum Beispiel das Paar im ersten Stock während des letzten Lockdowns sein ­zweites Kind ­bekam und als Simone gerade im ­Wochenbett lag, haben die Nachbarn uns frisch gewachsenen Familien mit Essen ­versorgt.

Der Zusammenhalt am Klosteranger ist aber nicht auf einzelne Häuser begrenzt. Es gibt eine WhatsApp-Gruppe, in der sich knapp hundert Leute aus dem gesamten Quartier organisieren – sei es, dass jemand einen Akkubohrer braucht, ein „Wine & Dine“ im ­Klostercafé stattfindet oder es ans ­Eingemachte geht wie vor zwei Monaten, als ein heftiger Hagel einige Keller geflutet hat. Gemeinsam wurde das Schlimmste schnell verhindert. Man kann sich hier immer aufeinander verlassen.

Ich dachte immer, ich sei ein Stadtmensch. Auch als ich etwas außerhalb, erst in Rosenheim, später in Unterföhring bei München gearbeitet habe, lag die Stadt für mich buchstäblich näher. Der Umzug zu Simone ins ländliche Sauerlach war seltsam. Dass es eine S-Bahn gab, hat mich damals etwas beruhigt. Nach zwei Jahren und nur vier Besuchen in München musste ich aber ­zugeben: Ich vermisse nichts. In Weyarn gibt es nicht mal einen Bahnhof. Trotzdem haben wir ­alles, was wir brauchen, und sogar mehr.

Ich
vermisse
nichts

Der Gemeinschaftsgarten
Das Klostercafé

Wald, Wiesen, Wanderwege sind drei Minuten von zuhause entfernt. Es gibt reichlich Freizeitangebote, einige davon sind im neuen Quartier entstanden: Ein Bewohner hat 2020 im TSV-Weyarn eine Volleyballmannschaft gegründet, die schon an Wettbewerben teilnimmt. Ein Paar aus der Siedlung hat eine Boccia-Gruppe initiiert, die sich jeden ­Samstag bei der Bahn schräg gegenüber unserer Wohnung trifft.

Die Gemeinde bemüht sich sehr darum, dass die Alteingesessenen und die Neuankömmlinge von Weyarn zusammenwachsen. Sie schafft Orte und Gelegenheiten zum Kennenlernen. Zu dem Spielplatz und dem großen Grünareal vor unserer Haustür kommen Kinder, Eltern und Spazierfreudige aus der ganzen Umgebung. Super ist der Gemeinschaftsgarten am Klosteranger, den mittlerweile bestimmt 20 Leute bewirtschaften. Eine kümmert sich um die Brokkoli, der andere um den Salat; die Ernte wird mit allen, auch mit Nicht-Gärtnern, geteilt. Ich wollte längst mitmachen, nur kam mir der eigene Nachwuchs dazwischen.

Simone und ich haben das große Wort ­Lebensqualität gewonnen. Die Witze von Freunden über unser neues „Provinzleben“ nehme ich gelassen, die verpuffen eh, ­sobald sie uns besuchen. Es gab mal diese Werbung: Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden. Ich bin einer geworden, und ich bin’s richtig gerne.

Ich bin
richtig
gerne
Spießer